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Aus dem eigenen Leben gibt's nichts zu erzählen?

Ein Tagebuch ist nicht automatisch Literatur. Ein Tagebuch ist privat. Es dient euch. Es hilft, Gefühle zu sortieren, Erlebnisse einzuordnen, Kontrolle zurückzugewinnen. Schreiben kann dabei tatsächlich heilsam sein. Man benennt Dinge. Man schaut hin. Man akzeptiert, was passiert ist. Mehr muss ein Tagebuch nicht leisten. Autobiografisches Schreiben für Publikum funktioniert anders. Der Ausgangspunkt mag derselbe sein. Eigene Erfahrungen, eigene Verletzungen, eigene Fragen. Aber das Ziel ist ein anderes.

Ein Tagebuch will verstehen. Ein Text für die Bühne oder fürs Buch will kommunizieren.

Wer veröffentlicht, schreibt nicht nur für sich. Sondern auch für andere. Für ihre Aufmerksamkeit. Ihre Gefühle. Ihre Zeit. Und ja: auch für ihre Unterhaltung. Vielleicht sogar für Veränderung.

Das ist der entscheidende Unterschied. - Viele haben Angst vor autobiografischem Schreiben, weil sie befürchten, zu nah an sich selbst zu geraten. Oder zu egozentrisch zu klingen. Und diese Sorge ist nicht unbegründet. Das eigene Leben fühlt sich immer spannender an als das der anderen. Das Ego findet alles interessant, was mit ihm zu tun hat.

Aber genau deshalb braucht es Distanz. Auswahl. Form.

Niemand muss jedes Gefühl teilen. Niemand muss alles erzählen. Entscheidend ist nicht, was euch passiert ist, sondern was davon für andere nachvollziehbar wird.

Ein verbreiteter Irrtum ist: Erst verstehen, dann schreiben.
In Wirklichkeit passiert es oft umgekehrt.

Man versteht beim Schreiben.

Gerade therapeutisches Schreiben kann dafür sorgen, dass Texte später klarer, ehrlicher und präziser werden. Wer regelmäßig für sich schreibt, lernt, Muster zu erkennen. Sprache zu schärfen. Gedanken zu ordnen. Und genau das hilft auch beim Schreiben für Publikum.

Das eine schließt das andere nicht aus. Im Gegenteil.
Privates Schreiben kann die Grundlage sein.
Öffentliches Schreiben die bewusste Auswahl daraus.

Autobiografisch schreiben heißt nicht, sich auszubreiten.
Es heißt, Verantwortung zu übernehmen – für das, was man erzählt, und für die, die zuhören.