Ein Slam-Story-Bauplan
Niemand wird durch Theorie zum Erzähler. Man wird es durchs Erzählen. Ob man spricht, schreibt, aufnimmt oder sich Dinge nur im Kopf zusammenspinnt, ist zweitrangig. Entscheidend ist die Wiederholung. Übung schlägt Talent. Immer. Aber wie funktioniert Erzählen eigentlich?
Am Anfang hilft eine einfache Struktur. Nicht als Zwang. Sondern als Geländer. Drei Zutaten reichen völlig:
Eine Hauptfigur. Ein Ziel. Ein Widerstand.
Mehr braucht es nicht, um Bewegung zu erzeugen. Natürlich kann es mehrere Figuren geben. Mehrere Ziele. Eine ganze Kette von Widerständen. Aber diese drei Begriffe merkt man sich leicht. Und sie funktionieren erstaunlich zuverlässig.
Ein Beispiel:
Ein Vaterfisch verliert seinen Sohn.
Der Sohn soll wiedergefunden werden, das Ziel.
Der Ozean ist groß, gefährlich und voller Bedrohungen, das Hindernis.
So lässt sich Findet Nemo auf den Punkt bringen.
Oder ein anderes Setting:
Ein Junge wird in ein Buch hineingezogen.
Er will diese Welt retten, sein Ziel.
Aber Zweifel, Angst und eine alles verschlingende Leere stehen ihm im Weg.
Das ist im Kern Die unendliche Geschichte.
Völlig unterschiedliche Genres. Unterschiedliche Längen. Unterschiedliche Zielgruppen. Aber dieselbe Grundformel.
Wichtig ist: Diese Zutaten skalieren. Sie funktionieren für kurze Texte genauso wie für lange. Für einen Zwei-Minuten-Slam ebenso wie für eine Romanreihe. Man braucht nicht mehr davon, um etwas Größeres zu erzählen. Man braucht nur mehr Ausarbeitung.
Ein Irrtum ist zu glauben, dass große Geschichten kompliziertere Baupläne brauchen. Das Gegenteil ist oft der Fall. Je klarer Held, Ziel und Widerstand sind, desto freier könnt ihr euch im Erzählen bewegen.
Auch für Slam-Texte ist das Gold wert.
Wer spricht hier?
Was will diese Stimme?
Was steht ihr im Weg?
Wenn ihr diese drei Fragen beantworten könnt, habt ihr schon eine Geschichte. Alles Weitere ist Stil. Sprache. Haltung. Perspektive.
Probiert es aus. Nehmt irgendeinen Gedanken. Irgendein Bild. Und fragt euch:
Wer ist hier unterwegs?
Wohin soll es gehen?
Warum ist das nicht einfach?
Mehr braucht es nicht, um anzufangen.