Reime und Stolperfallen
Reime haben einen seltsamen Ruf. Einerseits gelten sie als Inbegriff von Lyrik. Andererseits als schneller Weg ins Peinliche. Kaum etwas lässt einen Text so altbacken, bemüht oder unfreiwillig komisch wirken wie ein schlecht gesetzter Reim. Reime sind gleichzeitig verdächtig und erwartet. Geliebt und misstraut. Genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Reime sind Werkzeuge. Und wie bei jedem Werkzeug kann man sich damit ziemlich leicht auf den Daumen hauen.
Im Folgenden geht es um typische kleine Katastrophen beim Reimen. Nicht, um Angst zu machen. Sondern um Bewusstsein.
Erstes Kataströphchen: Der vorhersehbare Reim
Das Grundprinzip ist simpel. Ein Klang wird angekündigt. Und kurz darauf eingelöst. Das Problem entsteht, wenn alle schon wissen, was kommt.
Wenn nach
„Ich denke nachts an dich, mein Herz“
wirklich
„und spüre diesen tiefen Schmerz“
folgt, dann hat der Reim nichts gewonnen. Er hat nur bestätigt, was sowieso erwartet wurde.
Solche Reime nehmen dem Text Energie. Sie lassen Aussagen kleiner wirken, als sie eigentlich sind. Gerade wenn man auf der Bühne etwas Wichtiges sagen will, sollte man sich fragen: Trägt dieser Reim etwas bei oder macht er es bequemer?
Reimen ist ein grobes Werkzeug. Wer damit arbeitet, braucht umso mehr Präzision. Das bedeutet: suchen, umstellen, umbauen. Wörter finden, die überraschen. Nicht die erstbeste Lösung nehmen. Das Deutsche gibt mehr her, als es auf den ersten Blick scheint. Man muss es sich nur holen.
Zweites Kataströphchen: Der erzwungene Reim
"Von Blatt zu Zweig zu Stamm zu Rinde
diesen Baum wirklich wunderbar ich finde"
Man hört ihn sofort. Die Betonung kippt. Der Rhythmus stolpert. Und plötzlich klingt die Zeile, als würde sie gegen ihren eigenen Willen gesprochen.
Wenn Wörter nur deshalb verbogen werden, weil sie sich reimen sollen, leidet der Text. Dann wird gedehnt, verschluckt, falsch betont. Und spätestens beim Vortragen merkt man: Das trägt nicht.
Reime müssen sich einfügen. Wenn eine Zeile nicht fließt, ist sie noch nicht fertig. Dann hilft kein gutes Zureden. Dann hilft nur Arbeit. Laut lesen. Noch mal hören. Und im Zweifel loslassen.
Drittes Kataströphchen: Der schlampige Reim
"Es staunen die Herren und Damen
über die bunten Fammen."
Nicht jeder Reim muss perfekt sein. Aber er muss bewusst gesetzt sein.
Unsaubere Endungen, halbe Übereinstimmungen, klangliche Ungenauigkeiten können funktionieren – wenn der Text insgesamt stark genug ist, um das zu tragen.
Wer klassisch reimt, sollte auch klassisch sauber arbeiten. Wenn ein Wort am Ende nicht passt, gibt es fast immer Alternativen. Umstellungen. Synonyme. Grammatische Verschiebungen. Das ist kein Verrat am Gedanken, sondern Handwerk.
Viertes Kataströphchen: Der identische Reim
"Und wer die Sachen hier verkauft
hat vorher sie billig eingekauft"
Ein Wort auf sich selbst zu reimen ist kein Trick. Es ist eine Notlösung.
Klanglich passiert nichts. Inhaltlich auch nicht.
Das kann man sich einmal erlauben, wenn der Rest des Textes extrem sauber gearbeitet ist. Aber wer ohnehin schon mit Vorhersehbarkeit oder Rhythmus kämpft, verstärkt das Problem hier nur.
Der Reim sollte etwas öffnen. Nicht stehen bleiben.
Nach all den Warnungen könnte man meinen: Dann lieber gar nicht reimen. Aber genau das wäre schade.
Gut gesetzte Reime können Texte tragen. Sie können überraschen, beschleunigen, verdichten. Sie können Humor erzeugen oder Nachdruck. Sie können Gedanken verbinden, die sonst nebeneinander stehen würden.
Der Schlüssel ist Aufmerksamkeit. Wer erkennt, wo Reime schwach sind, kann sie gezielt einsetzen. Wer ihre Fallstricke kennt, tappt seltener hinein.