Poetry Slam von A bis Z
Jede Community hat bestimmte Codes und Begriffe. Ein 'Slam' bezeichnet keine Textform sondern ein Veranstaltungsformat. Hier findest Du eine Übersicht über die gebräuchlichsten Spezialwörter beim Poetry-Slam.
Deutschsprachige Poetry-Slam-Meisterschaften
Einmal im Jahr trifft sich die deutschsprachige Slam-Szene zum großen Klassentreffen mit Wettkampfcharakter. Die Deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften gelten als Saisonhöhepunkt und wandern jedes Jahr in eine andere Stadt. Mehrere hundert Slammerinnen und Slammer treten vor einem Publikum von mehreren tausend Menschen an. Ausgezeichnet werden die Besten in den Kategorien Einzel, Team und U20. Wer hier gewinnt, darf sich auf Einladungen zu Festivals, Tourneen und internationale Bühnen einstellen. Die Teilnahme ist in der Regel an Erfolge bei lokalen Slams gebunden. Früher lief das Ganze unter dem Namen GIPS – German International Poetry Slam.
Einzel
Die Königsdisziplin des Poetry Slams. Eine Person, ein Text, eine Bühne. Beim Einzel tritt eine Slammerin oder ein Slammer allein vor das Publikum und performt einen selbstgeschriebenen Text. Keine Mitstreiter, kein Chor, kein doppelter Boden. Alles steht und fällt mit Text, Stimme und Präsenz.
Feature Poet ('Sacrifice Poem')
Bei großen Poetry-Slam-Wettbewerben hat es sich eingebürgert, vor dem eigentlichen Wettbewerb eine Test-Abstimmung der Jury durchzuführen. Für diese Test-Abstimmung gibt es die Feature-Poets, die einen Slam-Text außerhalb der Konkurrenz - das sogenannte Sacrifice Poem - vortragen.
Heavy Metal
Der Ausruf »Heavy Metal!« ist ein Running Gag in der Slam Community! - Wenn jemand auf der Bühne den auswendig vorgetragenen Text vergisst und dadurch eine etwas unangenehme Stille entsteht, dann hört man oft Leute im Publikum »Heavy Metal!« rufen. - Damit wird die Stille überbrückt, die Live-Situation gefeiert und den Auftretenden Mut gemacht und Zeit gegeben, um sich wieder an den Text zu erinnern.
Jury
Beim Poetry Slam entscheidet nicht ein Feuilleton, sondern meist das Publikum. Entweder direkt per Applaus oder stellvertretend durch eine ausgewählte Jury. Bei größeren Meisterschaften kommen auch Stimmzettel oder Punktesysteme zum Einsatz. Trotz Wettbewerb gilt: Der Slam ist kein verbissener Leistungsvergleich. Viele Slammerinnen und Slammer sehen die Wertung eher als Spielrahmen. Der legendäre Slam-Master Bob Holman bringt es auf den Punkt: „The best poet always loses.“ Und Slam-Poet Allan Wolf ergänzt: „The points are not the point – the point is poetry.“
MC
Der MC, kurz für Master of Ceremony, ist das sprachliche Bindeglied des Abends. Er oder sie moderiert, erklärt die Regeln, heizt das Publikum an und sorgt dafür, dass der Abend läuft. Gute MCs sind Entertainer, Organisatoren und Szenekenner in Personalunion.
Open Mic / Offenes Mikrofon
Das entspannte Gegenstück zum Slam. Beim Open Mic gibt es keine Punkte, keinen Wettkampf, nur Bühne und Mikrofon. Ideal für Einsteigerinnen und Einsteiger, um erste Erfahrungen zu sammeln, Texte zu testen und Bühnenluft zu schnuppern.
Performance-Poesie
Texte, die nicht nur gelesen, sondern gemacht werden wollen. Performance-Poesie entfaltet ihre Wirkung erst auf der Bühne – durch Rhythmus, Betonung, Mimik, Gestik und Timing. Performance-Poetinnen und -Poeten sind gleichzeitig Autor, Darsteller und Regisseur ihres eigenen Textes. Die Kunstform bewegt sich zwischen Literatur, Theater und Musik.
Poetry-Clips
Wenn Poesie auf Kamera trifft. Poetry-Clips sind kurze Filme, in denen Texte performt werden – meist ohne große Effekte, dafür mit Fokus auf Stimme und Präsenz. Sie entstanden als Ergänzung zu Buch und Hörbuch und tragen der Tatsache Rechnung, dass Slam-Texte audiovisuelle Ereignisse sind. Eine der ersten deutschsprachigen Sammlungen erschien 2004 mit der DVD Poetry Clips (vol. 1).
Publikum
Ohne Publikum kein Slam. Poetry Slam ist interaktiv: Das Publikum stimmt ab, reagiert, lacht, jubelt – und manchmal ruft es auch dazwischen, solange es nicht eskaliert. Slammerinnen und Slammer kommen aus dem Publikum und mischen sich nach ihrem Auftritt wieder darunter. Für viele ist die direkte Reaktion der wichtigste Antrieb, Texte weiterzuentwickeln und die Performance zu schärfen.
Regeln
Damit aus dem Slam kein sprachliches Chaos wird, gibt es ein paar feste Spielregeln. Die wichtigste ist das Zeitlimit, meist zwischen fünf und sieben Minuten. Wer überzieht, wird musikalisch daran erinnert – im Extremfall auch körperlich von der Bühne entfernt. Erlaubt sind ausschließlich eigene Texte. Requisiten, Kostüme, Gesangseinlagen oder tierische Co-Performer bleiben draußen. Um extreme Wertungen auszugleichen, werden bei vielen Slams die höchste und niedrigste Jury-Note gestrichen.
Slam-Poetry / Slam-Poesie
Ein Sammelbegriff für alles, was auf der Slam-Bühne gesprochen wird. Slam-Poesie kennt keine festen Themen, Formen oder Stile. Sie reicht von Lyrik über Kurzprosa und Rap bis zu politischen Statements. Ein gemeinsames Manifest gibt es nicht – dafür viele Meinungen und ästhetische Reibungen. Entscheidend ist weniger die Textform als die Bewährung auf der Bühne innerhalb der kurzen Auftrittszeit. Außerhalb der Szene wird Slam-Poetry inzwischen oft als Genre verstanden, meist verbunden mit rhythmischer, publikumsnaher Performance-Poesie.
Slamily
Ein Wortspiel aus Slam und Family. Die Slamily bezeichnet den lockeren Zusammenschluss von Aktiven und Interessierten der Szene. In Online-Foren, früher etwa über eine Yahoo-Group, wurden und werden organisatorische Fragen, neue Formate und künstlerische Debatten geführt. Die Slamily ist weniger Institution als soziales Netzwerk der Szene.
Slam-Master
Slam-Master sind die Köpfe hinter den Veranstaltungen. Sie organisieren, moderieren, entdecken Talente und halten die Szene zusammen. Oft stehen sie selbst als MC auf der Bühne, veröffentlichen Anthologien, betreiben Websites oder entwickeln neue Bühnenformate. Kurz: Ohne Slam-Master gäbe es viele Slams schlicht nicht.
Spoken Word
Spoken Word bezeichnet alle Kunstformen, bei denen Texte gesprochen und nicht primär gelesen werden. Sprache wird hier als Klangmaterial verstanden. Veröffentlichungen erscheinen häufig als Audioformate statt als Bücher. Poetry Slam ist Teil dieser Kultur, ebenso wie Beat Poetry, bestimmte Rap-Formen und Künstlerinnen und Künstler wie The Last Poets, Saul Williams, Ursula Rucker oder Henry Rollins.
Team
Wenn zwei oder mehr Personen gemeinsam performen, spricht man von einem Slam-Team. Die Texte, sogenannte team pieces, sind auf Zusammenspiel, Rhythmus und oft auch Choreografie angelegt. Team-Auftritte erinnern manchmal an A-cappella-Gruppen oder Sprechchöre. Für diese Disziplin gibt es eigene Wettbewerbe. Bekannte Teams waren oder sind unter anderem Smaat, LSD – Liebe statt Drogen, Agrar Berlin oder Word Alert.
Upvoting
Bei Meisterschaften wird besonderes Augenmerk auf die Jury gerichtet. Ein oft beobachtetes Problem bei Jury-Entscheidungen ist das sogenannte Upvoting. Damit wird das Phänomen beschrieben, dass Jurys im Verlauf eines Abends dazu neigen, immer höhere Punktzahlen zu vergeben – mitgerissen von der Stimmung im Saal, der Dynamik des Wettbewerbs und der emotionalen Aufladung des Publikums. Durch gezielte Hinweise der Wettbewerbsleitung soll diese schleichende Verzerrung zumindest bewusst gemacht und abgeschwächt werden.
U20
Die Nachwuchsliga des Poetry Slams. U20-Wettbewerbe richten sich an Slammerinnen und Slammer unter 20 Jahren und sollen faire Bedingungen für junge Stimmen schaffen. Das Niveau der jährlichen U20-Finals ist oft beeindruckend hoch und steht den Erwachsenen-Wettbewerben in nichts nach.