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Die 10 größten Missverständnisse über Poetry Slam

Poetry Slam ist populär wie nie. Ausverkaufte Hallen, virale Videos, große Namen. Und trotzdem hält sich rund um das Format eine erstaunliche Menge an Halbwissen. Zeit, aufzuräumen. Hier kommen die zehn größten Missverständnisse über Poetry Slam. Hartnäckig, weit verbreitet – und natürlich alle falsch.

1. „Poetry Slam ist eine Castingshow.“

Zum Glück: nein.
Beim Slam gewinnt nicht automatisch, wer am besten ist. Sondern oft, wer den Moment trifft. Oder den Geschmack des Publikums.
Ein berühmtes Beispiel ist Julia Engelmann. Ihren legendären Auftritt beim Bielefelder Hörsaal-Slam gewann sie nicht. Der Mitschnitt ging trotzdem viral. Achtstellige Klickzahlen. Slam ist kein Casting. Slam ist Risiko.


2. „Darüber solltest du mal einen Slam schreiben.“

Klassiker.
Viele Außenstehende denken, ein „Slam“ sei eine Textsorte. Ist er nicht.
Slam bezeichnet das Veranstaltungsformat. Die Bühne. Den Abend.
Die Texte heißen Gedichte, Geschichten, Monologe, Raps.
Kennerinnen lächeln bei diesem Satz meist milde.


3. „Slam-Poets sind Hobby-Literaten.“

War ein frühes Vorurteil.
Weil Slam-Texte für die Bühne geschrieben wurden, nicht fürs Buch.
Heute ist klar: Viele Slammerinnen und Slammer sind feste Größen im Literaturbetrieb.
Beispiele sind Marc-Uwe Kling, Nora Gomringer, Dalibor Marković, Kirsten Fuchs, Bas Böttcher oder Mona Harry.
Bühne und Buch schließen sich nicht aus. Sie befruchten sich.


4. „Für Poetry Slam bin ich zu alt.“

Auch falsch.
Es gibt Slammerinnen und Slammer älteren Semesters. Und sie genießen Kultstatus.
Zu nennen sind etwa Klaus Urban, die verstorbenen Marlene Stamerjohanns &Rita Apel.
Wolf Hogekamp ist dienstältester Slam-Veranstalter und bringt noch immer frische Texte auf die Bühne. 
Slam kennt keine Altersgrenze. Nur Bühnenzeit.


5. „Poetry-Slam-Texte sind improvisiert.“

Meistens nicht.
Viele Texte entstehen über Tage oder Wochen. Manchmal über Monate.
Das Missverständnis kommt von der lockeren Vortragsweise.
Was spontan wirkt, ist oft präzise gebaut. Auswendig gelernt. Punktgenau.


6. „Poetry-Slam-Texte sind immer lustig.“

Zum Glück nicht.
Slam kann komisch sein. Aber auch wütend. Zärtlich. Politisch. Düster.
Poetry Slam erzählt von allem. Von dieser Welt. Und von möglichen anderen.


7. „Poetry-Slam-Texte klingen alle gleich.“

Ein halbes Missverständnis.
Erfolgreiche Texte nutzen oft ähnliche Mittel: Rhythmus. Mehrfachreim. Wortspiel.
Das führt zu Wiedererkennung. Aber nicht zu Gleichklang.
Außerdem hat jede Szene ihre Pioniere. Und ihre Nachahmer.
Heute reicht die Bandbreite von Kurzgeschichte über Rap, Beatbox und Stand-up bis zu Lyrik und Psychodrama. Slam ist Vielfalt.


8. „Ich habe kein Talent zum Slammen.“

Poetry Slam ist offen.
Es geht nicht ums Gewinnen. Sondern um Ausdruck.
Die eigene Sicht auf die Welt. In der eigenen Sprache.
Auch Unsicherheit kann eine Stärke sein.
Und selbst in einer fremden Sprache kann ein Text wirken.


9. „Früher waren die Poetry Slams besser.“

Jede Generation denkt das.
Und jede Generation hat recht. Aus ihrer Perspektive.
Slam bewegt sich in Wellen. Themen kommen. Themen gehen.
Das Publikum ist das Korrektiv.
Wenn etwas zu oft erzählt wurde, kommen neue Stimmen. Und neue Formen.


10. „Poetry Slam ist eine neue Erfindung.“

Das Format ist jung. Das Prinzip ist alt.
Dichterwettstreite gab es schon im antiken Griechenland. Beim Agon.
Bei den Meistersängern. Bei Rhapsoden. In Rap-Battles.
Und bei den „Dozens“ in den USA, dem kunstvollen Beleidigungsduell.
Poetry Slam steht in einer langen Tradition.
Nur das Mikrofon ist neu.