1994 – Der Poetry Slam kommt nach Deutschland
Erster regelmäßiger Poetry Slam in Berlin
Im Frühjahr entsteht im Berliner Club Ex’n’Pop der erste regelmäßige deutsche Poetry Slam. Initiiert wird er von den in Berlin lebenden Amerikanern Priscilla Be und Rik Maverik. Später übernimmt der Filmemacher Wolfgang Hogekamp die Organisation, während Rik Maverik weiterhin als Moderator durch die Abende führt.
Der Berliner Slam wird rasch zu einem wichtigen Bezugspunkt für die entstehende deutschsprachige Szene und dient vielen späteren Formaten als Orientierung.
Internationale Kanonisierung des Nuyorican-Erbes
Ebenfalls 1994 erscheint die Anthologie Aloud! Voices from the Nuyorican Poets Cafe, herausgegeben von Bob Holman und Miguel Algarín. Das Buch wird überraschend zum Bestseller und gilt als erfolgreichste Gedichtsammlung seiner Zeit.
Holman und Algarín erhalten dafür den American Book Award, was die kulturelle Bedeutung des Nuyorican Poets Cafe auch jenseits der Slam-Szene unterstreicht.
1995 – Medien, Radio und erste transatlantische Vernetzung
Poetry Slam im deutschen Rundfunk
Der Bayerische Rundfunk sendet eine Woche lang täglich eine Stunde Mitschnitte aus dem Nuyorican Poets Cafe. Poetry Slam erreicht damit erstmals ein größeres deutsches Radiopublikum.
Der Journalist Karl Bruckmaier versucht in München, mit dem sogenannten Literaturslam eine Verbindung aus klassischer Lesung und Slam-Elementen zu etablieren. Das Experiment bleibt jedoch kurzlebig und endet bereits Ende 1996.
Europatour und erste Vernetzung
Im September touren Bob Holman, der Rap-Poet Reg E. Gaines und Samantha Coerbell als Delegation des Nuyorican Poets Cafe durch Europa.
Während einer Live-Radiosendung in Berlin entdecken sie den jungen deutschen Slam-Poeten Bas Böttcher, der später zu einer zentralen Figur der deutschsprachigen Szene wird.
National Poetry Slam in Ann Arbor
Der National Poetry Slam findet 1995 in Ann Arbor (Michigan) statt. 27 Teams nehmen teil. Asheville (North Carolina) gewinnt den Teamtitel, Patricia Smith holt zum letzten Mal den Einzelsieg.
Mit insgesamt vier Titeln geht sie endgültig als Slam-Legende in die Geschichte ein.
Deutsch-Nuyorican Poetry Festival
Im November veranstalten Holman und Algarín in New York ein Deutsch-Nuyorican Poetry Festival. Zu den Gästen zählen unter anderem Bas Böttcher, der Schweizer Performance-Poet Christian Uetz, der spätere Büchner-Preisträger Durs Grünbein sowie der Düsseldorfer Dichter und Trommler Andre Michael Bolten, später Mitbegründer des Slams Maulgetrommel.
1996 – München als Modellfall und Beginn der Professionalisierung
Erster Poetry Slam in München
Am 11. Februar 1996 findet im Münchner Club Substanz der erste Poetry Slam der Stadt statt. Rund 200 Gäste erleben einen Abend, der schnell Geschichte schreiben wird.
Verantwortlich sind Rayl Patzak, Alf Maier, Lisa Cameron und Jürgen Bulla. Der Slam wird von Beginn an monatlich veranstaltet und entwickelt sich innerhalb kurzer Zeit zum größten regelmäßig stattfindenden Poetry Slam Europas.
Das Münchner Modell
Schon im Laufe des Jahres ziehen sich Alf Maier, Jürgen Bulla und später auch Lisa Cameron aus Moderation und Organisation zurück. Ab Juli steigt Ko Bylanzky, ein langjähriger Freund von Rayl Patzak, fest in das Projekt ein. Das Münchner Modell aus Regelmäßigkeit, Clubatmosphäre und offener Szene wird für viele spätere Slams prägend.
Slam und Literaturbetrieb
Parallel dazu entdeckt der etablierte Literaturbetrieb das Phänomen. Der Rowohlt Verlag veröffentlicht die Anthologie Poetry Slam! – Texte der Popfraktion und versucht, eine neue Slam-Ästhetik zu definieren.
Eine aufwendige Promotiontour, unter anderem mit Bas Böttcher, macht das Buch zu einem sichtbaren Erfolg.
Professionalisierung in den USA
In den USA gründet Bob Holman mit Mouth Almighty Records das erste reine Poetry-Label. Veröffentlichungen wie Beau Sias’ Attack! Attack! Go! oder Maggie Esteps Love Is a Dog from Hell verkaufen sich überraschend gut, insbesondere im Hip-Hop-nahen Publikum.
Der National Poetry Slam 1996 findet in Portland statt. Providence gewinnt den Teamtitel, Patricia Johnson wird Individual Champion. Der Filmemacher Paul Devlin begleitet das Ereignis – aus dem Material entsteht später der Dokumentarfilm Slam Nation.
1997 – Vernetzung und Selbstorganisation
Regionale Szenen und neue Zentren
In Hamburg gründen Boris Preckwitz und Tina Uebel im Club Fool’s Garden den Slam Hamburg ist Slamburg. Der Abend wird schnell für sein raues Klima, harte Juryentscheidungen und pointierte Texte bekannt und prägt den Ruf der Hamburger Szene nachhaltig.
Erste bundesweite Abstimmung
Am Karfreitag 1997 treffen sich am Rande eines Berliner Slams erstmals die Slammaster aus Berlin, Hamburg und München sowie Bas Böttcher. Man beschließt eine engere Zusammenarbeit.
Rückblickend gilt dieses Treffen als symbolische Geburtsstunde einer vernetzten deutschen Slamszene.
National Poetry Slam und innere Konflikte
In den USA richtet Middletown (Connecticut) den achten National Poetry Slam aus. 33 Städte nehmen teil, darunter zwei kanadische Teams sowie ein Gastteam aus Schweden.
Bob Holman stellt ein New Yorker Team aus Poeten verschiedener Regionen zusammen und gewinnt. Da Boogie Man aus Cleveland wird Individual Champion.
Bereits hier treten offene Konflikte zwischen Marc Kelly Smith, der vor zunehmender Kommerzialisierung warnt, und Holman, der den Slam offensiv vermarktet, deutlich zutage.
Erster deutscher ‘National Poetry Slam’
Im Oktober findet im Berliner Ex’n’Pop der erste deutsche National Poetry Slam statt. Teams aus Düsseldorf, München, Hamburg sowie Berlin Ost und West treten an. Hamburg gewinnt den Teamtitel, Bas Böttcher sichert sich den ersten deutschen Einzeltitel.
Gründung von Poetry Slam Incorporated
Ebenfalls 1997 wird in den USA mit Poetry Slam Incorporated (PSI) ein Dachverband gegründet. Unter Vorsitz von Marc Kelly Smith soll er internationale Strukturen schaffen und den Slam vor kommerzieller Vereinnahmung schützen.
1998 – Medienereignisse und internationaler Durchbruch
Rap, Film und Popkultur
Beim ersten Hip-Hop-Special des Münchner Poetry Slams gelingt eine nachhaltige Verbindung von Rap und Literatur. Die Hip-Hop-Community beginnt, Slam als eigene Ausdrucksform wahrzunehmen.
International sorgt der Spielfilm Slam von Marc Levin mit Saul Williams in der Hauptrolle für Aufsehen. Der Film gewinnt das Sundance Film Festival und erhält in Cannes die Goldene Kamera.
Der Dokumentarfilm Slam Nation von Paul Devlin erscheint im selben Jahr und zeichnet anhand des National Poetry Slam 1996 ein vielschichtiges Bild der Szene.
Boomphase in den USA
Ausgelöst durch diese Filme erreicht der Slamboom in den USA seinen Höhepunkt. Saul Williams wird zum Star, Veranstaltungen im Nuyorican Poets Cafe und im Green Mill sind regelmäßig ausverkauft.
Deutsche und internationale Meisterschaften
Der US-National Poetry Slam 1998 findet in Austin (Texas) statt. New York gewinnt den Teamtitel, Reggie Gibson holt den Einzeltitel für Chicago. 45 Städte nehmen teil, über 3000 Zuschauer verfolgen das Finale.
Im November wird im Münchner Kunstpark Ost der zweite deutsche National Poetry Slam ausgetragen. Köln gewinnt die Teamwertung, Michael Lentz holt den Einzeltitel.
1999 – Internationalisierung des deutschsprachigen Raums
Touren und neue Slam-Nationen
Der Verlag Der gesunde Menschenversand schickt deutsche Slam-Poeten auf Tour. Mit dabei sind Bas Böttcher, Hadayatullah Hübsch und Till Müller-Klug, ergänzt durch Schweizer Autoren.
Die Tour stößt insbesondere in der Schweiz auf große Resonanz und macht das Land als eigenständige Slam-Nation sichtbar.
Deutscher National Slam in Weimar
Der dritte deutsche National Poetry Slam findet in Weimar statt. Gastgeber ist Bas Böttcher. Erstmals nehmen auch Teams aus Österreich und der Schweiz teil.
Den Einzeltitel gewinnt Tracy Splinter mit englischsprachigen Texten – ein frühes Zeichen für die internationale Öffnung der Szene.
Jubiläum in den USA
Der National Poetry Slam feiert sein zehnjähriges Bestehen und kehrt nach Chicago zurück. Die New York Times widmet dem Ereignis eine ganzseitige Feuilleton-Titelseite.





